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INTERVIEW: WLADISLAW ZIWILIN UND IGOR SUBOWSKIJ

"Wir waren zu bequem"

Über lange Jahre lag die russische Uhrenbranche brach. Dabei steckt viel Potenzial in ihr,
meinen Wladislaw Ziwilin, CEO von Vostok, und Igor Subowskij, CEO von Vostok Europe. Mit Witold A. Michalczyk unterhielten sie sich über Fehler der Vergangenheit und Pläne für die Zukunft.

Chronos: Russische Uhren haben bei Uhrenfans im Westen immer noch ein recht schlechtes Image. Wie wollen Sie dem entgegenwirken?
Wladislaw Ziwilin (Vostok): Gibt es immer noch diese Ansicht, dass bei uns alles schlecht ist?
Nun ja, es scheint Schwierigkeiten beim Handel mit Russen zu geben, vieles liegt im Dunkeln, es gibt Unregelmäßigkeiten bei der Qualität. Das trägt alles dazu bei, dass das Image der russischen Uhren nicht auf dem Level ist, auf dem es sein könnte.
WZ: Vielleicht darf ich da ein wenig in die Geschichte zurückgehen: Bis zum Anfang der neunziger Jahre wurden in der Sowjetunion jedes Jahr rund 60 Millionen Uhren gefertigt: Uhren für Autos, Schiffsuhren, Armbanduhren, Wecker. Vostok selbst hat bis zu vier Millionen Uhren im Jahr gefertigt. Fast die Hälfte aller Uhren ging in den Export.
Die meisten haben wir nach China geliefert. Ich besitze noch die Dokumente darüber. Irgendwann gingen die Chinesen dazu über, Uhrwerke und Gehäuse getrennt einzukaufen. Die Chinesen haben es sich dann einfach gemacht. Aus irgendeinem Schrott haben sie schnell Gehäuse gefertigt und unsere Messinggehäuse von recht hoher Qualität umgeschmolzen. Trotzdem war das für uns sehr bequem: Wir haben gedacht, das ginge immer so weiter, und wir hätten einen guten Handelspartner.
Es ging aber nicht so weiter.
WZ
: Die chinesischen Hersteller machen heute fast alles selber. Und wir bleiben auf unseren Produkten sitzen. Leider hat unsere Staatsführung bis in die späten neunziger Jahre nur wenig Geld in die Modernisierung ihrer Industrie gesteckt. Unsere Ingenieursschulen haben auch kaum etwas in dieser Richtung unternommen. Dadurch ist natürlich
ein Rückstand entstanden. Als ich 1984 als Chefingenieur bei Vostok begonnen habe, hatten wir gerade zwei oder drei neue Maschinen zur Uhrenherstellung gekauft. Dann ist zehn Jahre lang nichts passiert. Erst 1995 habe ich eine zerlegte Maschine aus der Schweiz mitgebracht. Ihr Besitzer wird sich wohl: gedacht haben: "Gott sei Dank, ",.Jeder so ein altes Ding verscherbelt. Man kann sagen, dass wir zu bequem waren. Erst als sich die Welt dann öffnete, haben wir gesehen, dass wir komplett umdenken mussten.
Wie sah das konkret aus?
WZ
: Wir sind auf die anderen Hersteller zugegangen und haben gesagt dass wir ihre Lager gerne aufkaufen wollten, falls sie Fertigungsprobleme hätten. Und so kam es, dass wir jetzt von der Ersten Moskauer Uhrenfabrik Maschinen gekauft und diese zu uns nach Tschistopol gebracht haben. Wir haben

Igor Subovskij,

Geschäftführender Direktor von Koliz-Vostok (Vostok-Europe), wurde am 30. April 1962 in Kiew (Ukraine) geboren. Nach seinem Sclulabschluss 1979 in Vilnius studierte er dort bis 1984 Physik. Von 1984 bis 1992 war er am Forschungsinstitut für Radiowellen in Vilnius mit der Entwicklung und Erforschung über die Verwendungsmöglichkeiten der Mikrowellen für industrielle und militärische zwecke befasst.

Wladislaw Zivilin,

Generaldirektor von Vostok, schloss 1971 das Kasaner Luftfahrtinstitut als Maschi-nenbau-Ingeneur ab. Zu Vos-tok stieß er im Jahr 1984, seit 1986 ist er Generaldirektor des Unternehmens. Unter anderem ist er Mitglied in der Akademie zur Lösung der Qualitätsprobleme

Nach dem Auseinanderbrechen der UdSSR wurde das Institut aufgelöst. Zusammen mit Kollegen gründete Subowskij die Firma Koliz, die sich in der Anfangsphase 1992 mit dem Handel von Armbanduhren beschäftigte. 1997 begann unter seiner Führung die Zusammenarbeit mit der Firma Poljot für die Entwicklung und den Bau neuer Modellreihen von Poljot-Uhren. 2003 war Subowskij ener der Initiatoren eines litauisch-russischen Joint Ventures mit dem Namen Koliz-Vostok, das die Uhrenmarke Vostok-Europe lancierte.
in Russland und der Internationalen Han-delskammer. Ziwilin war mehrfacher Abgeordneter der Stadt-versammlung von Tschistopol sowie Abgeordneter im Parla-ment der Republik Tatarstan. Er erhielt mehrere Management-Preise, unter anderem die "Karriere-99", Auszeichnung in der Kategorie "Stabilität und Entwicklung". Von seinen Mitarbei-tern wird er liebend "Papa" genannt.

damit zwei Werkslinien: unser klassisches Kaliber 2416 und jetzt das Kaliber 2612 auf den Maschinen aus Moskau. Beide Serien können wir mit zwei bis drei Modifikationen ergänzen. Das Angebot hat sich damit verbreitert. Große Sprünge können wir noch nicht machen. Sie wissen selber, wie viele Uhrenhersteller es gibt. Wir haben es da noch schwer zu konkurrieren, aber wir suchen unsere Nische.

Wo könnten Sie diese finden?
WZ: Manchmal kommt so etwas überraschend. Wie zum Beispiel unser erster Kontakt in die USA. Das war zu Zeiten des ersten Golfkriegs im Jahr 1991. Ich wurde indirekt über die US-Botschaft in London nach New York eingeladen. Auf einmal hatte ich eine Bestellung über 10000 Uhren für die US-Army in der Tasche, die den Namen "Desert Storm" tragen sollten. Natürlich war das alles etwas kompliziert, denn es gab unterschiedliche Wünsche: Ich wurde in ein Institut für Heraldik gebracht, wo die Details des Zifferblatts ausgearbeitet wurden: eine Flagge, Palmen und so weiter sollten darauf sein. Neben den 10000 Uhren wurden rund weitere 200 Exemplare gefertigt, als Geschenke für Verwundete. In den folgenden Jahren lieferten wir etwa 20000 Uhren in die USA. Leider wurden es dann etwas weniger. Aber wir pflegen weiterhin Kontakte dorthin. Oder im Jahr 1995: Damals haben wir erstmals die Komandirskie-Uhren, die im Auftrag unseres Verteidigungsministeriums gebaut wurden, nach Westeuropa exportiert. Vor allem in Italien waren wir erfolgreich. In drei Jahren haben wird etwas mehr als 100000 Uhren verkauft. Allerdings waren die Uhren in Italien relativ teuer. Einige Italiener sind daher nach Moskau geflogen, haben hier auf dem Arbat (die bekannteste Einkaufsstraße Moskaus, wam) eingekauft, sind mit den Uhren zurückgeflogen und haben immer noch einen guten Gewinn gemacht. Glücklicherweise haben sich die Verhältnisse heute grundlegend verändert. Wir wollen gezielter die Märkte beliefern. Daher haben wir im Jahr 2004 Vostok Europe gegründet. Die Uhren sollten ein neues Design zeigen. Vostok Europe hat daher ein eigenes Konstruktionsbüro eröffnet.
Die 24-Stunden-Anzeige ist die
erste neu realisierte Komplikation
bei Vostok Europe


Das Design der Uhren von Vostok
Europe ist für den westlichen Markt
zugeschnitten


Vostok Europe ist ja in Vilnius angesiedelt, weit weg vom in der Republik Tatarstan gelegenen Tschistopol. Wie kommt das?
WZ: Noch zu Zeiten der UdSSR haben wir in Dnepropetrowsk eine Filiale von Vostok eröffnet und jeden Monat 10000 Uhren produziert. Auch in Kasachstan, Weißrussland und in Litauen gründeten wir Nieder-lassungen, sodass es schließlich ins-gesamt sieben oder acht Filialen in der ehemaligen UdSSR gab. Die meisten dieser Filialen wurden aufgelöst. Die

neue Firma Koliz-Vostok (Vostok Europe; wam) im litauischen Vilnius nimmt für uns eine Sonderstellung ein. Wir fühlen uns fast so, als ob wir in der EU produzieren würden.
Und wie sieht es bei Vostok selber aus?
WZ:
Wir verkaufen rund 100000 Einheiten im Monat. Mit den Maschinen, den Mitarbeitern und der Infrastruktur könnten wir 200000 bis 220000 Einheiten fertigen. Früher hatten wir einen Zwei-Schicht-Betrieb, heute gibt es nur eine Schicht. Wir haben also noch Reserven.
Mit Einheiten meinen Sie fertige Uhren?
WZ: Nein. Wir verkaufen rund 70000 Uhren im Monat; der Rest sind Rohwerke, die wir zum Beispiel an Vostok Europe liefern.
Was sind Ihre aktuellen Ziele?
WZ: Unsere Hauptaufgabe ist eine Verbesserung der Qualität, auch im Service. Wir haben eine englische Schule nach Tschistopol geholt. Da werden nicht allein Sprachen gelehrt, auch Finanzen oder Verkauf sind Lehrfächer. Ein anderes Problem ist: Wir finden keine Uhrmacher, die nach Tschistopol kommen. Ich habe daher beschlossen, die Gehälter auf 15000 bis 20000 Rubel (410 bis 545 Euro; warn) zu erhöhen. In Russland ist das schon eine ganze Menge. Trotzdem fehlen überall Spezialisten.
Wie kommt das?
WZ: Ich glaube, dass ich heute davon erzählen kann: Vor rund 15 Jahren begann bei uns in der Region die Forschung zu einer Art "Star Wars" Projekt. Wir grün-deten dazu bei uns das so genannte "Ka-saner LuftfahrtsInstitut." Dort bildeten wir Computer-Spezialisten und ähnliche Leute aus. Dann lösten sich die Pläne in Luft auf, und alle Menschen gingen wieder: Juristen, Buchhalter, Finanzfach-leute und natürlich auch Ingenieure. Und wir mussten wieder bei null anfangen. Wir brauchen Fach-arbeiter, Konstrukteure, Ingenieure. Das an unsere Firma angeschlossene Institut bildet diese Leute aus. In jedem Land sind die Märkte anders. Auch dafür brauchen wir unterschiedliche Fachleute, die sich mit den Besonderheiten dort auskennen. Auch die fehlen uns noch.

In Tschistopol stehen ja jetzt auch die Maschinen für die Fertigung der Kaliber 2612, die man von Poljot kennt.
Irina Maier (Vostok Europe): Vostok hat die Rechte an dem Kaliber 2612 gekauft und es wird jetzt unter dem Namen Vostok verkauft. Es steht fest, dass die erste Uhrenfabrik in Moskau Stück für Stück geschlossen wird. Andere Firmen kaufen jetzt das Kaliber direkt bei Vostok.
Ist denn auch geplant, die vorhandenen oder neuen Werke mit den "westlichen Standardsll wie Datumsschnellverstel-lung oder Sekundenstopp aufzurüsten?
Igor Subowskij (Vostok Europe): Viel-leicht kann ich darauf antworten: Innerhalb des Vostok-Konzerns gibt es eine kleine Firma, die sich mit diesen Dingen beschäftigt. Alexander Zajtsew, der selbst das Kaliber 2432 entwickelt hat, leitet diese Firma. Zajtsew fertigt seine Modifikation exklusiv für uns. Den Sekundenstopp haben er und sein Team schon realisiert. Bei Vostok Europe wird diese Technik noch nicht verwendet, aber das kommt noch. Die Datumsschnellverstellung ist leider etwas schwieriger zu integrieren.
Wir dürfen also weitere Funktionen erwarten?
IS:
Zurzeit arbeitet Zajtsew gleichzeitig an verschiedenen Modifikationen. Zum einen an der Datumsschnellverstellung, dann an einer Gangreserveanzeige, einer zusätzlichen 24-Stunden-Anzeige und einer Wochentagsanzeige. Außerdem hat er einige Ideen, auf die man gespannt sein darf. Aber alle Projekte sind schon sehr weit fortgeschritten; wir wollen sie noch in diesem Jahr vorstellen.
WZ: Eine 24-Stunden-Anzeige wurde ja gerade vorgestellt.
IS: Richtig, den Auftrag dazu haben wir vor einen halben Jahr gegeben. Wir wollten eine Dual-Time-Anzeige auf dem Zifferblatt. Einen Zeiger für zwölf Stunden, einen für 24 Stunden.
Wann wird dann der erste Chronograph mit dem Logo von Vostok Europe auf den Markt kommen?
IS:
Sobald Vostok die ersten fertigen Kaliber liefert. Wir werden aus Prinzip keine anderen mechanischen Werke in unseren Uhren einsetzen.

Außerdem arbeitet Alexander Zajtsew an einem eigenen Me-chanismus. Aber fragen Sie mich nicht, wie weit er damit ist, und wann er damit fertig wird.
Werden sich mit den neuen Wer-ken auch die Preise der Uhren von Vostok Europe nach oben hin verändern?
IS: Preise und Qualität sind so eine Sache: Man kann mit einem vorhan-denen Werk eine Uhr für 50 Dollar


Gute Qualität zu günstigen Preisen
ist das Rezept, mit dem Vostok Euro-
pe den Markt überzeugen will


Alle Einzelteile der Werke enstehen
bei Vostok in Tschistopol. Dazu wur-
de dort ein Technik-Park errichtet


bauen oder eine, die 100000 Dollar kosten wird. Faktoren wie Konstruktion, Material oder Design spielen hier eine wichtige Rolle. Die Uhren von Vostok Europe werden vom Joint Venture "Koliz Vostok" gebaut. Koliz beschäftigt sich seit zwölf Jahren mit Uhren. Zunächst waren wir Vertriebspartner für unterschiedliche Firmen, seit 1997 auch für Poljot, für die wir einige Modelle entwickelt haben. Das heißt, vor der Kooperation mit Vostok hatten wir schon eine Erfahrung von sieben Jahren in der Uhrenszene. In diser Zeit haben wir entdeckt, dass es auf dem Markt eine Nische im Preisbereich von 100 bis 150 Euro gibt, in der praktisch keine automatischen Uhren angeboten werden. Es gibt billigere Uhren, vor allem aus China. Dann fängt es wieder bei rund 200 Euro an bei Marken wie Candino, aber das ist dann schon Swiss Made. Russische Uhren können da noch nicht mithalten. Wir haben uns daher die Aufgabe gesetzt, gute Qualität und Design, das im Westen ankommt, in einer Spanne zwischen 100 und 150 Euro anzubieten. Diesen Bereich werden wir voraussichtlich nicht verlassen. Natürlich kann man billigere Uhren produzieren, aber warum sollten wir das machen, und unsere Qualität absenken?
Nochmals zu den Werken: Wie hoch ist die Fertigungstiefe bei Vostok?
WZ: Dazu darf ich nochmals etwas ausholen: Als uns klar wurde, dass die "guten Zeiten" vorbei sind, habe ich die einzelnen Direktoren unserer Zulieferer zu mir gerufen - ich glaube insgesamt waren es 15 Stück - und vorgeschlagen, ziel gerichteter zu arbeiten. Damals haben unsere Zulieferer Teile gefertigt, die auch alle anderen Hersteller bekamen: Rubinlagersteine kamen aus dem Ural, Gläser wurden in Tscheljabinsk gefertigt. Die Jungs haben mich aber nicht verstanden und wollten nichts ändern. Also haben wir hier in Tschistopol einen Technik-Park mit mehreren Einzelfirmen gegründet. Wir lassen uns Rohstahl liefern, produzieren unter anderem Lagersteine, Mineralgläser, Dichtungen selbst. Die einzelnen Firmen unseres Technik-Parks arbeiten unabhängig, so können sie auch an andere Firmen liefern. Zu 100 Prozent machen wir alles direkt vor Ort. <

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